Praxisseminar zur Konzeption und Publikation eines wissenschaftlichen Sammelbands
Seit 2014 wird in der Paderborner Komparatistik alle zwei Jahre im Sommersemester ein Praxisseminar angeboten, in dem Studierende der B.A.- und M.A.-Studiengänge gemeinsam mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin eine studentische Tagung konzipieren und organisieren. Am 10. und 11. Oktober 2024 fand die mittlerweile fünfte studentische Tagung unter dem Titel »Alles fließt. Fluides in Literatur und anderen Medien« statt. Wir konnten ein vielfältiges und abwechslungsreiches Tagungsprogramm zusammenstellen, sowohl hinsichtlich der Themen der Vorträge als auch der Rahmung.
Die Beiträge der studentischen Tagungen werden anschließend in unserer Reihe Studien der Paderborner Komparatistik veröffentlicht. Auch das Lektorat der Beiträge wird dabei in einem ersten Schritt von Studierenden übernommen, die im Rahmen eines weiteren Praxisseminars zur Konzeption und Publikation eines wissenschaftlichen Sammelbands das nötige Know-how zur Redaktion wissenschaftlicher Texte erwerben. Darüber hinaus bringen sie sich auch aktiv in den Gestaltungs- und Strukturierungsprozess des Bandes ein. Das Praxisseminar zur Konzeption und Publikation eines wissenschaftlichen Sammelbands fand im Sommersemester 2025 statt, und damit gut ein halbes Jahr nach dem in der gemeinsamen Tagung resümierenden Abschluss des vorigen Praxisseminars. Insgesamt zehn Studierende aus den B.A.- und M.A.-Studiengängen der Paderborner Komparatistik fanden sich, um im Zuge von sieben als Blocksitzungen angelegten Terminen von Mitte April bis Mitte Juli gemeinsam am Sammelband zu arbeiten.
Um die Arbeit am Sammelband beginnen zu können, brauchten wir zuerst natürlich eins: zu lektorierendes Material. Unmittelbar nach der Tagung wurde daher das Interesse der Vortragenden abgefragt, sich am Sammelband zu beteiligen, wozu glücklicherweise viele bereit waren. Den Beitragenden wurde das Stylesheet der Studien der Paderborner Komparatistik zugesandt mit der Bitte, ihre Beiträge bis zum 31. März 2025 zu liefern, damit das Seminar am 11. April beginnen konnte. Trotz einiger kurzfristiger Absagen und Verspätungen kamen erfreulicherweise genügend Texte zusammen. Das bedeutete zwar einerseits hohen Arbeitsdruck für die Seminarteilnehmenden, war andererseits aber ein erstes Lernmoment: Die Herausgabe eines wissenschaftlichen Sammelbandes verlangt bekanntermaßen oft Flexibilität im Umgang mit Deadlines.
In der Einführungssitzung ging es sodann zunächst darum, eine gemeinsame Grundlage im Hinblick auf Korrektorat und Lektorat zu schaffen. Einige der Seminarteilnehmenden waren bereits im vorausgehenden Praxisseminar dabei, einige traten zudem auch als Vortragende und damit nun als Beitragende zum Sammelband auf, wiederum andere nahmen zum ersten Mal an einem Praxisseminar teil. Auch die Vorerfahrungen in Sachen Lektorat erwiesen sich als höchst unterschiedlich. Was die Seminarteilnehmenden jedoch glücklicherweise einte, war eine hohe Bereitschaft und Motivation, sich auf das Projekt einzulassen und dafür einen nicht geringen Zeitaufwand sowie eine sehr eigenständige Arbeitsweise auf sich zu nehmen. Nach einem Austausch über Sinn und Zweck wissenschaftlicher Veranstaltungen sowie Sinn und Zweck wissenschaftlicher Publikationen stiegen wir tiefer in die Thematik des Lektorierens ein. Was unterscheidet eigentlich Korrigieren, Redigieren und Lektorieren? Welche Formen des Lektorierens kennen die Studierenden bereits? Und welche Formen des Lektorierens könnten wiederum bei einem wissenschaftlichen Sammelband nötig sein? Wie funktioniert die praktische Umsetzung eines gemeinsamen Lektorats? Was bedeutet noch mal »Änderungen nachverfolgen« im Word-Programm und wofür ist das wichtig?
In einem gemeinsamen Ordner, der die Aufsätze und weitere Materialien enthält, legten wir ein »How-to-Lektorat«-Dokument an, in dem ich einige Leitfragen formulierte, an denen sich die Seminarteilnehmenden zunächst orientieren sollten – wie etwa: Ist der Text grammatikalisch und orthografisch korrekt? Ist das Stylesheet eingehalten? Ist der Aufsatz sinnvoll aufgebaut in Einleitung, Hauptteil und Schluss? Ist die jeweilige Länge angemessen? Enthält die Einleitung die Benennung des Untersuchungsgegenstands, des Themas, der Fragestellung, der These(n), der Gliederung? Folgt die Argumentation einem klar erkennbaren roten Faden? Werden literatur- und kulturwissenschaftliche Fachbegriffe korrekt verwendet? Werden alle verwendeten (Fach-)Begriffe – soweit nötig – eingeführt und erläutert? Hat das Fazit einen eigenen, weiterführenden Aussagegehalt oder ist es nur eine Wiederholung des bereits Gesagten? Werden ›Behauptungen‹ aufgestellt, die besser noch durch Forschungsliteratur untermauert werden sollten?
Darauf folgte dann die freie, selbständige Zuteilung der Studierenden zu den von ihnen zu lektorierenden Texten, wobei jede Person jeweils ein Haupt- und ein Nebenlektorat übernahm. In der zweiten, dritten und vierten Seminarsitzung stand dann die Lektoratsphase im Zentrum, die Nan Makarova aus Sicht der Seminarteilnehmenden in einem eigenen Blogbeitrag reflektieren wird. In der Lektoratsphase ging es vor allem darum, den Seminarteilnehmenden in den Sitzungen selbst die Gelegenheit zu bieten, an den von ihnen zu lektorierenden Texten weiterzuarbeiten, dabei mit der zweiten dem jeweiligen Text zugeordneten Person ins Gespräch zu kommen und immer wieder auch kleinere Beispiele aus den Texten, bei denen aus verschiedenen Gründen Unsicherheit bestand, wie damit umzugehen sei, im Plenum zur Diskussion zu stellen.
Bereits in der zweiten Sitzung hatten die Seminarteilnehmenden zahlreiche Fragen und Anmerkungen in unser »How-to-Lektorat«-Dokument eingebracht. So ergab sich schnell, dass das Stylesheet der Reihe Studien der Paderborner Komparatistik für unsere Zwecke nicht ausführlich genug ist, und wir konnten als ein Ergebnis festhalten, dass dieses für die Zukunft zu überarbeiten ist. Denn die Beiträge unseres Sammelbandes behandeln nicht nur Texte in verschiedenen Sprachen, sondern auch diverse Medienformate: Von Filmen und Serien bis hin zu Videospielen und online publizierten, digitalen Musicals sowie Soundscapes und Performance Walks sind die Untersuchungsgegenstände breit gefächert. Die Seminarsitzungen der Lektoratsphase begannen in der Folge daher regelmäßig damit, dass wir über Dinge diskutierten, die das Stylesheet nicht aufführt, dafür eigene Behandlungsweisen festlegten und dabei vor allem feststellten, welche Dinge noch zu vereinheitlichen wären – und welche auch nicht. Spannend war es, wie angeregt Studierende beispielsweise über Abkürzungen im Fließtext oder Kursivierungspraktiken diskutieren können. Und zwar ganz von sich aus – viele der aufgeworfenen Uneinheitlichkeiten und berechtigen Nachfragen waren mir zuvor gar nicht in den Sinn gekommen. Hier zeigte sich, wie produktiv es sein kann, in einem großen Team gemeinsam und ›basisdemokratisch‹ an einem Sammelband zu arbeiten. Ein Gefühl gemeinsamer Verantwortlichkeit für den Band stellte sich schnell ein. Beeindruckt war ich zudem von der Sorgfalt und Mühe, mit der die Studierenden bei ihrem Lektorat vorgingen, zumal den Kommentaren stets anzumerken war, dass sie von der Motivation getragen waren, dem Text helfen zu wollen, seine bestmögliche Form zu erreichen. Auf das erste Lektorat der Studierenden folgte noch ein zweites Lektorat meinerseits, an das sich die üblichen weiteren Korrekturgänge in den kommenden Wochen und Monaten anschließen werden, die ich übernehmen werde.
Nach einer Reflexion der Lektoratsphase etwa in der Mitte der vierten Sitzung ging es dann endlich in den weniger formellen und kreativeren Teil des Seminars über: in die Kompetenzphase. Dafür legte ich vorab vier Kompetenzteams fest, die aus maximal drei Personen bestehen sollten. Ein Team war für die Gestaltung zuständig, ein Team für Paratextliches, ein Team für Struktur und Aufbau des Bandes sowie ein Team dafür, dem Thema des Bandes entsprechend das ›Fluide‹ ins Spiel zu bringen. Da von vornherein klar war, dass alle diese Aufgabenbereiche eng zusammenhängen und die Zuständigkeiten nicht immer scharf zu trennen sind, wurde auch die Kompetenzphase derart angelegt, dass sowohl genügend Gelegenheit bestand, innerhalb des jeweiligen Kompetenzteams in den Austausch zu kommen als auch zwischen den Teams sowie übergreifend im Plenum. Die Arbeit in den einzelnen Kompetenzteams wird, nicht zuletzt, da ich selbst in den Teams nur peripher involviert war, noch in eigenen Blogbeiträgen von Christin Assing (Team Paratextliches), von Marvin Vocke und Charlotte Hollenhorst (Team Struktur/Aufbau) und auch von Sara Peine, Katrin Nötzel und Jana Siering (Team das ›Fluide‹ ins Spiel bringen) reflektiert werden.
Da sich unser Sammelband nicht nur inhaltlich, sondern auch konzeptionell dem Thema der Fluidität verschrieben hat, ging es in der Kompetenzphase darum, einerseits kreative, neue Darstellungsformen zu entwickeln und andererseits trotzdem den gängigen Ansprüchen an eine wissenschaftliche Publikation zu entsprechen. Zur ersten Inspiration sichteten wir gemeinsam verschiedene Sammelbände, die in irgendeiner Art und Weise ›anders‹ funktionieren als Sammelbände dies üblicherweise tun. Hinweise für die Auswahl der insgesamt zehn Bände, die wir im Seminar sichteten, lieferten dankenswerterweise diverse Kolleg*innen per Bluesky. Weitere Hinweise fanden wir bei der Lektüre von Ursula K. Le Guins The Carrier Bag Theory of Fiction (1986) sowie Donna Haraways Kapitel Playing String Figures with Companion Species in ihrer 2016 erschienenen Monografie Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene.
Über die wunderbaren ›fluiden‹ Ideen der Seminarteilnehmenden möchte ich an dieser Stelle noch nicht weiter berichten. Einige Konzepte werden sie in ihren eigenen Blogbeiträgen anreißen. Und ob wir dem Anspruch, sowohl ›fluid‹ als auch wissenschaftlich zu arbeiten, gerecht werden, wird sich dann im Frühjahr/Sommer 2026 in der Open Access erscheinenden Publikation zeigen.
Fotos: Anna Maria Spener
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Anna Maria Spener (11. Juli 2025). Praxisseminar zur Konzeption und Publikation eines wissenschaftlichen Sammelbands. Lit:Seminar. Abgerufen am 9. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/14bvp



