» ~~~ « oder: Flow State – Das Fluide in einen Tagungsband einfließen lassen
Von Katrin Nötzel, Sara Peine und Jana Siering
Ein Beitrag aus dem Praxisseminar zur Konzeption und Publikation eines wissenschaftlichen Sammelbands (Universität Paderborn, Sommersemester 2025), über das die Dozentin Anna Maria Spener hier schreibt.
Als unsere Seminarleiterin Anna Maria Spener die Aufgaben der Arbeitsgruppen vorstellte, zeigte sie uns eine Übersicht mit der »Aufgabenpriorisierung 1« für jedes Team. Beim ›Kompetenzteam 4‹ steht nichts. Stattdessen sehen wir das Bild von einer Welle. Genau darum ging es: Unsere Aufgabe im Kompetenzteam 4 war es, Selbstverständlichkeiten aufzubrechen.
Unser Alltag strukturiert sich in Gewohnheiten, die wir kaum noch hinterfragen. Dementsprechend erwarten wir, wenn wir an eine literaturwissenschaftliche Publikation denken, auch gewisse Konventionen – etwa: schwarzer Text auf weißem Hintergrund, einfarbiger Einband, nur Text und ab und zu eine Überschrift.
Während unserer Zusammenarbeit haben wir uns gefragt, ob das nicht auch anders geht. Wird ein gängiges Layout dem Sammelband gerecht, den wir publizieren wollen? Unsere Antwort war ein Nein – insbesondere auch, da das Thema des Bandes die Fluidität ist.
Vorüberlegungen
Zu Beginn der Arbeit haben wir geprüft, welche ungewöhnlichen Aspekte bereits erschienene Publikationen aufweisen. Unter den Bänden, die Anna Maria Spener zur Ansicht mit ins Seminar brachte, befand sich beispielsweise Revolution und Autonomie. Deutsche Autonomieästhetik im Zeitalter der Französischen Revolution. Ein Symposium (hg. von Wittkowski, 1990). Der Sammelband erscheint zunächst ›normal‹, am Layout fällt wenig auf. Jedoch ist nach jedem Beitrag die im Symposium dem Vortrag nachfolgende Diskussion redigiert wiedergegeben. Die Beiträge treten somit nicht in Vereinzelung und Abgeschlossenheit auf. Stattdessen bezieht der Band den Austausch über das Wissen mit ein.
Der Band Kontinent Kafka. Mosse-Lectures an der Humboldt Universität zu Berlin (hg. von Scherpe u. Wagner, 2006) hebt sich dagegen durch das Layout ab. Jeder Beitrag beginnt mit einer Zeichnung von Ergin Irwin oder einem Bild, zumeist dem eines Insekts, und wird damit visuell an Kafkas Verwandlung rückgebunden. Außerdem wurden die Fußnoten nicht am Seitenende, sondern am Seitenrand platziert.

Der Band Widmungsgedichte und Gedichte bei Gelegenheit (hg. von Birgfeld u. a., 2021) bleibt dem eigenen Titel treu: Nach jedem Beitrag nutzt dieser Sammelband die Gelegenheit, ein Gedicht abzudrucken. Es handelt sich dabei um Gedichte deutscher Gegenwartslyriker*innen. Die Beiträge im Band befassen sich mit Texten von (zumeist kanonischen) Autoren der Literaturgeschichte.

Angestoßen von solchen Vorlagen und Impulsen mussten wir uns über unsere Ziele klar werden. Wir legten deshalb fest, welchen Ansprüchen unsere Publikation gerecht werden soll.
Grundlage für jegliche Publikation muss bleiben, dass sie für Lesende, insbesondere Wissenschaftler*innen, nutzbar ist. Jede Idee muss sich vor diesem Anspruch behaupten. Gleichzeitig waren wir uns einig, dass der Tagungsband visuell ansprechend sein soll und sich durchaus von den Konventionen einer ›klassischen‹ Publikation abheben darf.
Hinsichtlich der Ziele war uns die Fluidität von besonderer Wichtigkeit. Bereits eine kurze Überlegung bezüglich der Anordnung der Aufsätze hatte gezeigt, dass viele Parallelen aufwiesen. Um dem gerecht zu werden, wollten wir das Fluide als Verbindungselement zwischen den Aufsätzen bewusst mit in unsere Zielsetzung aufnehmen. Das bedeutete für uns zu überlegen, wie wir ein ›lineares‹ Lesen aufbrechen und ein ›fluides‹ Leseverfahren bereits in der Konzeption des Bandes einbringen könnten. Auch nach seiner Veröffentlichung ist ein Sammelband ein unabgeschlossenes Werk, da Wissenschaftler*innen sich mit ihm auseinandersetzen und sich auf die Forschungen der Beitragenden beziehen. Diese Interaktion wertzuschätzen und zu berücksichtigen war ebenfalls Teil unserer Zielsetzung.
Arbeitsprozess
Diese Ziele strukturierten unseren Arbeitsprozess. Uns fiel auf, wie sehr unsere Aufgaben in die Aufgabenbereiche der anderen Teams hineinreichten. So haben wir über mögliche Seitenlayouts nachgedacht, die das Fluide über Farbe oder über das Aufbrechen eines ›linearen‹ Lesens einbringen könnten (sogar Skizzen sind in diesem Arbeitsschritt entstanden), was eigentlich eher Aufgabe des Kompetenzteams ›Gestaltung‹ war. In ähnlicher Weise haben wir uns auch in die Arbeit des Kompetenzteams ›Struktur‹ eingeschaltet, indem wir – ebenfalls im Hinblick auf ein ›nicht-lineares‹ Lesen – über ein ›fluides‹ Inhaltsverzeichnis nachgedacht haben.
Aus den Überlegungen zum Inhaltsverzeichnis erwuchs eine Zusammenarbeit mit allen weiteren Kompetenzteams, denn alle Teams mussten für ihre Arbeit wissen, wie die Beiträge im Sammelband angeordnet und im Inhaltsverzeichnis gelistet würden. Das Fluide zeigte sich somit auch in den Arbeitsprozessen innerhalb unseres Seminars. Zunächst erschien es als eine beinahe unlösbare Aufgabe, eine Reihenfolge der Beiträge für das Inhaltsverzeichnis festzulegen, vor allem, weil die Beiträge das Thema ›Fluidität‹ so wunderbar umgesetzt haben. Eines stand schnell fest: Einen Sammelband wie diesen, in dem alle Beiträge so fließend ineinander übergehen und thematisch zueinander passen, gibt es nur selten. Gemeinsam haben somit alle Seminarteilnehmenden vor der Aufgabe gestanden, uns das fluide Netz der Beiträge klarzumachen, die Verbindungen nachzuvollziehen und zu überlegen, was dies alles nun für den Sammelband bedeutete. Auf einem großen Tisch haben wir Karten mit den Beitragstiteln und Autor*innen ausgebreitet und angefangen, Kategorien zu sammeln. Die Schwierigkeit war hier, keine Kategorien wie ›Wasser‹ auszuwählen, die alle Beiträge betroffen hätten. Schließlich gelang es, sich auf Kategorien zu einigen, die jeweils mit Farbpunkten auf den Beitrags-Karten eingezeichnet wurden. Bezeichnend für die Schwierigkeit dieser Aufgabe ist, dass sich das Seminar gegen eine Aufnahme der Namen der Kategorien im fertigen Sammelband entschieden hat, da klare Kategorien eine zu große Herausforderung darstellten. Dann ging das Sortieren los: Welcher Beitrag passt laut Farbcode zu welchem anderen? Wo sind Verbindungen zu finden, vielleicht sogar eine Gruppierung?
Nachdem unser Kompetenzteam 4 die Ideen für einen ›fluiden‹ Sammelband gesammelt, bewertet und mit den anderen Kompetenzteams besprochen sowie die Koordination der Kategorisierung und Abfolge der Beiträge übernommen hatte, war unsere anfängliche Aufgabe erfüllt: Wir hatten das Fluide in alle Kompetenzteams eingebracht und diese arbeiteten nun daran weiter. So wie Anna Maria Spener unser Team nur mit einem Wellenbild greifbar machen konnte, haben wir uns aufgelöst: Wasserähnlich sind wir in alle Gruppen geflossen und in ihnen versickert. Nun können wir in den anderen Kompetenzteams bei der Umsetzung des Sammelbandes helfen.
Verworfene Ideen
Nicht alle unsere Ideen haben wir im Sammelband aufnehmen können: So wurden beispielsweise die Idee ›schwebender Ränder‹ aussortiert, weil diese zwar durch die Überschreitung des üblichen Satzspiegels die vertraute Lesegewohnheit aufgebrochen, jedoch das Lesen erschwert hätten.
Ähnliches gilt für die ›Kommentarfunktion‹: Unsere Idee war, über eine Kommentarfunktion eine Interaktion zwischen den Lesenden und Beiträgen herzustellen, sodass der Sammelband niemals abgeschlossen wäre. Dies scheiterte an der Umsetzbarkeit: Wo sollten die Kommentare der Lesenden erscheinen? Wer würde sich darum kümmern, problematische Kommentare zu löschen? Um dennoch eine Interaktion zwischen den Lesenden und den Beiträgen herzustellen, kamen wir auf die Idee, statt einer Kommentarfunktion eine Notizspalte am Seitenrand der Beiträge hinzuzufügen. Dies wurde jedoch aus praktischen Gründen verworfen, da der Nutzen einer Notizspalte in einer digitalen Publikation gering ist.
Animationen, variable Fonts und Wasserzeichen wurden ebenso aussortiert: Animationen würden die Dateigröße in die Höhe treiben und gleichzeitig das Lesen behindern. Auch variable Fonts könnten das Lesen erschweren, wenn sie beim Anklicken andere Inhalte zeigen. Wasserzeichen wurden ebenfalls verworfen, da bereits viele gestalterische Ideen in den Band aufgenommen worden waren, so dass Wasserzeichen das Layout überfrachtet hätten.
Eine weitere Idee zum Aufbrechen des ›linearen‹ Lesens war, die Beiträge durch Hyperlinks miteinander zu vernetzen und den Beiträgen zusätzlich QR-Codes zu geben, die zu Hintergrundgeräuschen oder zum Beitrag passenden Videos/Bildern geführt hätten. Leider scheiterten auch diese Ideen an der Machbarkeit.
Umgesetzte Ideen
Dennoch werden Lesende zumindest in reduzierter Form QR-Codes im Sammelband finden: Ein QR-Code mit Wellenrauschen wird in der Einleitung des Sammelbandes eine ›fluide‹ Komponente bilden.
Nachdem lange an der ›fluiden‹ Struktur des Inhaltsverzeichnisses gebastelt wurde, gelang es uns zuletzt mit der Hilfe aller Kompetenzteams, die unterschiedlichen Beiträge wie in einer Flusskarte anzuordnen. So entstand eine sinnvolle Anordnung in Kooperation mit dem Kompetenzteam ›Struktur‹, welche dann vom Designteam grafisch umgesetzt wurde. Es ergibt sich daraus statt eines einschränkenden Inhaltsverzeichnisses eine ›fluid‹ lesbare Flusskarte.
Ein grafisches Element, das im Sinne der Fluidität in unseren finalen Entwurf übernommen wurde, sind wellenförmige Ornamente. Diese dienen zur praktischen Unterteilung der einzelnen Abschnitte innerhalb der Aufsätze und zur Symbolisierung des Fluiden als Verbindungsstück zwischen den einzelnen Beiträgen.
Eine Idee, die wir wegen ihrer Einfachheit und ihres großen Effekts im Sammelband aufgegriffen haben, ist die farbliche Gestaltung. Wir haben uns auf ein Farbschema geeinigt, das den ganzen Band durchzieht. Zuvor hatten wir andere Möglichkeiten der Farbnutzung ausgelotet: etwa für jeden Beitrag eine passende Farbe zu wählen, die an Meer und Moor erinnert oder einen den Band durchziehenden Farbverlauf von verschiedenen Blautönen mit Untertönen von Grün und Lila. Letztlich haben wir uns auf den Farbverlauf geeinigt, da dieser ein stimmiges Wahrnehmungs- und Leseerlebnis ermöglicht.
Die Farben tauchen innerhalb des Sammelbands an verschiedenen Stellen auf und bieten den Lesenden eine Orientierung. So ist nicht nur das Cover des Sammelbandes in diesem Farbschema gehalten, sondern auch die thematischen Symbole. Sogar im Inhaltsverzeichnis finden sich die Farben im ›Flussverlauf‹ wieder. Zwar wurden die Farben nicht nach dem Inhalt des jeweiligen Beitrages ausgewählt, doch hat jeder Beitrag entsprechend seiner Position im Sammelband und im Farbverlauf eine eigene Farbe. In dieser Farbe sind der Titel und der Autorenname des Beitrages gehalten, sowie die Fußnotenlinie, die Seitenzahl und das Ornament.
Reflexion
Wie schon der Einstieg in die Arbeit unseres Kompetenzteams, das Bild von den Wellen, angedeutete hatte, war unser Aufgabenbereich alles andere als konventionell. Schnell wurde deutlich, dass unser Team alles hatte, was man für eine so unspezifische Aufgabenbeschreibung braucht: kreative Ideen und viel Motivation. Nach einer Phase des intensiven Brainstormings trugen wir all diese Ideen in die anderen Kompetenzteams hinein und arbeiten mit ihnen gemeinsam an dessen Umsetzung.
Über zahlreiche Abstimmungen filtern wir die Ideen heraus, die auch die Mehrheit des Seminars begeistern konnten und dann in die Phase der gründlicheren Ausarbeitung gelangten. Durch die anderen Kompetenzteams konnten wir unsere zunächst noch groben Ideen für die fluiden Elemente immer stärker herausarbeiten, sodass sie sowohl die grafische als auch die strukturelle Gestaltung des Tagungsbandes prägten.
So kann man sagen, dass unser Kompetenzteam sich zwar überall eingemischt und für reichlich Arbeit gesorgt hat, doch gleichzeitig auch als Verbindungsstelle zwischen den einzelnen Teams diente. Gemeinsam haben wir es geschafft, einen praktischen und visuell ansprechenden Sammelband zu entwerfen, der ganz in unserem Sinne mit dem Thema der Fluidität spielt und mit der Gestaltung und Aufbau üblicher Sammelbände bricht. Die Arbeit zeigte uns, dass es möglich ist, einen wissenschaftlichen Sammelband zu erarbeiten, ohne gleich tristen Normen zu verfallen.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Praxisseminare Komparatistik Paderborn (1. Oktober 2025). » ~~~ « oder: Flow State – Das Fluide in einen Tagungsband einfließen lassen. Lit:Seminar. Abgerufen am 9. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/14tn7
![Präsentationsfolie mit dem Text: Kompetenzteams: Aufgabenpriorisierung 1 - Kompetenzteam 1: Cover - Kompetenzteam 2: Titel + Untertitel - Kompetenzteam 3: Anordnung der Beiträge - Kompetenzteam 4: [Bild einer Art Welle]](https://litseminar.hypotheses.org/files/2025/09/Screenshot-2025-07-02-102404-500x280.png)


